Vom KMU mit «Swissness»…
Guido Bichsel übernahm 1948 die „Grosse Apotheke“ in Interlaken und revolutionierte 1966 mit selbst entwickelten Infusionslösungen die erste Heimhämodialyse in der Schweiz. Das Familienunternehmen wuchs zu einem Spezialisten für sterile Medikamente, Dialyselösungen und Home-Care-Dienst mit rund 300 Mitarbeitenden an. 2019 wurde das florierende Unternehmen vom Riesen Galenica übernommen. Galenica versprach Kontinuität, Ausbau der Produktion, Erhalt von Jobs, Standort und dem Namen Bichsel sowie Investitionen. Die „Swissness“ und enge Kundenbeziehungen zu Spitälern wurden gelobt.
…zum Branchenleader
Galenica erzielt jährliche Reingewinne von rund 180 Mio. CHF. Dies erreicht der Konzern mit radikaler Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf Verluste. Bezeichnend, dass die Familie Bichsel und die Bevölkerung des Bödelis über die Medien von der bevorstehenden Schliessung und der Umbenennung der Grossen Apotheke erfahren haben. Dies obwohl zumindest die Umbenennung intern bereits seit Monaten bekannt war. Persönliche Beziehungen und Verbundenheit zur Region oder die propagierte “Swissness” sind einem Grosskonzern egal.
Die Grundlage von Familien wird zerstört
Rund 170 Mitarbeitende sind von der Schliessung betroffen. Galenica verspricht, die Mitarbeitenden in dieser anspruchsvollen Phase eng zu begleiten, die Auswirkungen möglichst verträglich zu gestalten und ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen. Die SP wird den Konzern beim Wort nehmen und den Sozialplan und die Folgen für die Mitarbeitenden eng verfolgen.
Es gilt daraus Lehren zu ziehen
Bichsel steht symbolisch für ein System der Monopolisierung und Verdrängung. Es wird aufgekauft, Versprechungen werden gemacht und das gekaufte Unternehmen wird dem Konzernstandard angepasst. «Unrentable» Bereiche werden geschlossen und Familien wird Ihre Lebensgrundlage entzogen. Und so verschwindet ein schweizweit wichtiger Hersteller von individuell angefertigten Arzneimitteln mittels Medienmitteilung.
Dies ist nicht nur ein Schlag für die Region. Die Schliessung trifft alle kritischen Bereiche der Spitalversorgung, sowohl regional als auch national. Die Versorgungssicherheit und die Krisenresilienz der Schweiz wird geschwächt. Galenica ist das egal. Der Aktienkurs steigt, der Gewinn wird maximiert und Dividenden werden ausgeschüttet.
Diese Politik ist in der Region auch in anderen Bereichen schmerzlich ersichtlich. Das problematische Aufkaufmuster sehen wir zum Beispiel auch im hiesigen Wohnungsmarkt: Immobilienfirmen erwerben Wohnungen, wandeln sie in AirBnBs um und zerstören so wertvollen Wohnraum. Weil sich mit Tourist:innen mehr Geld machen lässt als mit ansässigen Familien. Profit ist das Credo. Die Folgen sind Abwanderung von Familien, fehlende Arbeitskräfte, von der Schliessung bedrohte Schulen und sinkende Attraktivität der Region.
Eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für die Region erfordert, dass wir lokale Bedürfnisse und das Gemeinwohl über die Gewinninteressen von Konzernen stellen!